1 Euro Objektiv an einem 2.000 Euro Kameragehäuse?

Februar 2011

Die Bildqualität hängt bekannterweise maßgeblich vom verwendetem Objektiv ab.

Was passiert eigentlich, wenn man ein Billig-Objektiv mit einer hochauflösenden DSLR kombiniert?

Kann man damit überhaupt Bilder schießen?

Im Beispiel wird das simpelste und günstigste Objektiv verwendet, das ich finden konnte. Es handelt sich um ein Meopta Anaret 4,5/50.

Bereits die Versandkosten (4,- Euro) überstiegen den Kaufpreis (1,- Euro) des Objektivs um das Vierfache. ;-)

 

 

Technische Daten

Baujahr: Anfang 80er Jahre

Anschluß: M23,5 Gewinde

Brennweite: 50mm

Blende: 4,5 bis 22

Optischer Aufbau: 4-Linser

Frontlinsendurchmesser: 11mm

Gewicht: 40g

 

Das Anaret 4,5/50 wurde nicht für Kameras, sondern für Vergrößerungsgeräte entworfen.

Der Abbildungsmaßstab, für den das Objektiv optimiert wurde, liegt in einem Vergrößerungsbereich um 1:10 herum, wie in der Dunkelkammer üblich.

Ein derartiger Abbildungsmaßstab bedeutet bei Kameras Nahaufnahme. Dennoch kann man natürlich versuchen das Objektiv an eine DSLR zu adaptieren und auch für größere Entfernungen einzusetzen.

Durch geschickte Wahl der jeweiligen Adapter und das relativ große Auflagenmaß des Sony Alpha-Bajonetts, lässt sich das Objektiv bis zur Unendlichkeitsstellung fokussieren.

 

Das Objektiv wird normalerweise über den Balgenauszug des Vergrößerers fokussiert.

Das es über ein Schraubgewinde verfügt, kann dieses zur Auszugsverlängerung somit zu Scharfstellung verwendet werden. Ähnlich, wie es bei manuellen Standardobjektiven der Fall ist, nur gibt es hier keine Entfernungsskala.

Ist das Objektiv komplett eingeschraubt, fokussiert es auf unendlich. Schraubt man es heraus, ist Fokussieren bis zu einer minimalen Entfernung von ca. 1 Meter möglich. Bei kürzeren Entfernungen droht das Objektiv aus dem Adapter zu fallen. ;-)

 

Die Entfernungseinstellung erfolgt bei Offenblende. Ist die gewünschte Entfernung eingestellt und soll die Blende geschlossen werden, so muss der Blendenring gedreht werden. Das ist etwas trickreich. Dabei muss das Objektiv an der Objektivfront (einzige greifbare Stelle) festgehalten werden, da man sonst unweigerlich die zuvor eingestellte Schärfe verstellen würde.

 

Der fertige Adapter besteht aus folgenden Einzelteilen:

- Step-Down-Ring M39 auf M23.5 (Feingewinde)

- Step-Down-Ring M42 auf M39

- M42 auf Minolta-AF Adapter mit oder ohne AF-Confirm

- 2mm Madenschraube

 

Aus dem Step-Down-Ring M42 auf M39 wurde ein kleiner Teil herausgefeilt. Dies ist leldiglich eine Vorsichtsmaßnahme und normalerweise nicht notwendig, soll aber sicherstellen, dass der Blendenmitnehmer des Kamera nicht durch das eingeschraubte M42-Gewinde blockiert und beschädigt wird.

Damit die Adapter beim Fokussieren nicht unabsichtlich auseinandergeschraubt werden, sind diese mit einer zusätzlichen 2mm Madenschraube gesichert. Eine Madenschraube ist an der Stelle einer normalen Schraube vorzuziehen, da letztere den Bajonettanschluß blockieren würde. Die Madenschraube kann mit Schraubensicherungslack gesichert werden.

Lediglich das Objektiv mit seinem 23,5mm Feingewinde sollte sich frei drehen lassen.

 

 

Ein besonderes Gimmick in Verbindung mit Sony Alpha Kameras, ist die Verwendung eines sogenannten AF-Confirm-Adapters. Dieser besitzt entsprechende elektrische Kontakte und einen Chip, der der Kamera das Vorhandensein eines AF-Objektivs vorgaukelt.

Natürlich wird das Objektiv dadurch nicht automatisch fokussieren können, aber die Brennweiteninformation wird von der Kamera dazu verwendet, um den SteadyShot Bildstabilisator zu aktivieren.

Somit ist das Objektiv in Verbindung mit Sony Alpha Kameras stabilisiert und es können wesentlich längere Belichtungszeiten verwendet werden. Scharfe Freihandaufnahmen mit einer Belichtungszeit bis zu 1/15s sind ohne weiteres möglich.

 

Wird hingegen ein rein mechanischer M42-Minolta-AF Adapter verwendet, sollte die alte Faustregel eingehalten werden, dass der Bruch der Belichtungszeit nicht länger als die Objektivbrennweite sein sollte.

Sprich, mit einem 50mm Objektiv sollte nicht länger als 1/50s freihand belichtet werden. Für längere Belichtungszeiten empfiehlt sich ein Stativ.

Der Vorteil des rein mechanischen Adapter ist der niedrigere Preis.

Rein mechanische Adapter sind für nahezu alle erhältlichen DSLR und SLT-Kameras verfügbar.

 

Die fertige Installation

 

 

 

Nahaufnahmen

Nahaufnahmen können durch Einsatz von zusätzlichen M42 Zwischenringen realisiert werden.

 

 

 

Bildbeispiele

Offenblende 4.5, 1/1500s, ISO 200

 

Blende 8, 1/250s, ISO 200

 

Offenblende 4.5, 1/250s, ISO 400

 

Blende 8, 1/750s, ISO 200

 

Blende 8, 1/350s, ISO 400

 

Offenblende 4.5, 1/1000s, ISO 200

 

Blende 11, 1/125s, ISO 400

 

Runde Bokeh-Form bei Offenblende 4.5, 1/4000s, ISO 200

 

Quadratische Bokeh-Form bei Blende 8, 1/1000s, ISO 200

 

Offenblende 4.5, 1/2000s, ISO 200

 

Offenblende 4.5, 1/250s, ISO 200

 

Bildbeispiele Nahaufnahmen

Blende 5.6, 1/200s, ISO 200, manueller Blitz + Schirm

 

Offenblende 4.5, 1/125s, ISO 200, manueller Blitz + Schirm

 

Blende 8, 1/125s, ISO 640, manueller Blitz + Schirm

 

Offenblende 4.5, 1/125s, ISO 200, manueller Blitz + Schirm

 

Blende 8, 1/125s, ISO 800, manueller Blitz + Schirm

 

Die Ergebnisse sind in jeder Hinsicht überraschend gut! Das unscheinbare Objektiv liefert satte Farben und starke Kontraste. Selbst bei größeren Entfernungen, wofür es eigentlich nicht konzipiert wurde, zeichnet es scharf ab Offenblende.

Bei Offenblende ist eine leichte Vignettierung sichtbar, die aber nicht stärker ausfällt, als es bei modernen Standardobjektiven.

Nur bei direkter Sonneneinstrahlung (Sonne direkt im Bild) werden regenbogenartige Linsenreflexe sichtbar, doch das Bild verliert dabei kaum an Kontrast. Befindet sich die Sonne bei gleicher Gegenlichtsituation nur knapp ausserhalb des Bildes, verschwinden die Linsenreflexe.

Natürlich ist das Handling gewöhnungsbedürftig, aber das Anaret schlägt sich an einer digitalen Vollformatkamera sehr, sehr gut.

Ungewöhnlich ist das durch die quadratische Blendenform verursachte Bokeh. Standardobjektive verfügen normalerweise über mindestens 6 Blendenlamellen, was eine sechseckige, rundere Form ergibt. Ein "rundes Bokeh" ist mit dem Anaret nur bei Offenblende erreichbar.

Runde Bokeh-Form bei Offenblende 4.5

Quadratische Bokeh-Form bei Blende 8

 

 

Da das Ergebnis doch sehr überraschend ist, habe ich einige Recherchen angestellt. Das Objektiv ist relativ unbekannt, bei der optischen Rechnung handelt es sich möglicherweise um eine tschechische Kopie des berühmten "Leitz Focotar 1:4,5/50mm" aus den 50er / 60er Jahren. Letzteres war im Dunkelkammerbereich bekannt für eine außergewöhnlich hohe Leistung unter den 4-linsigen Objektiven.

Die höherwertigen 6-Linser von Meopta heißen Meogon und Meogon-S. Diese sind in der älteren Ausführung mit M23,5-Gewinde sehr selten zu bekommen. Die M39-Versionen lassen sich durch das größere Auflagemaß leider nicht ohne destruktive Maßnahmen adaptieren.

Es scheint darüberhinaus ein noch simpleres Vergrößerungsobjektiv zu geben - das Meopta Belar 4,5/50. Dabei handelt es sich um einen 3-Linser, dieser soll ebenfalls eine Zeit lang mit dem M23,5-Gewinde gebaut worden sein.

 

Fest steht, dass weitere Experimente folgen!

 

 

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